Wieder viele Arten und zu viele Welse im Neckar

Von Helmut Buchholz

 

Des Hobbyanglers Freud ist des Fischervereins Leid: Es gibt zu viele Welse im Neckar. Der Hunger des Raubfischs dezimiert den Fischbestand. Naturschützer machen dafür die Fischer selbst verantwortlich. Die Behörden attestieren dem Fluss unterdessen wieder beste Wasserqualität.
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 „Größter Fang im Leben“: Alexander Reile (li.) nebst Wels und Sohn.

 

Es war ein harter Kampf - Mann gegen Raubfisch. Alexander Reile hatte den Wels drei Tage nacheinander am Haken. Jedes Mal riss die Leine. Am vierten Tag, nach einem zwei Stunden währenden Duell, holte der 41-Jährige das gut zwei Meter lange und über 60 Kilogramm schwere Tier aus dem Heilbronner Neckar - genau vor dem Strand des Freiluftlokals Hip Island.

Gerd Bauer überrascht der Fang keineswegs. „Zwei-Meter-Waller sind keine Seltenheit bei uns im Neckar“, sagt der Vorsitzende des Fischerei-Vereins Heilbronn-Sontheim 1893. Genau darin liegt das Problem. „Die Waller vermehren sich extrem und fressen andere Fische weg.“ Beispielsweise Kleinkarpfen seien dadurch seltener geworden. Durch den Hunger der Welse fehlen nun Fische mittlerer Größe. Das Regierungspräsidium hat sogar das Nachtfischverbot aufgehoben, um „gezielt den Wels zu befischen“, ergänzt Vereinskollege Klaus Lohmann, Vorsitzender des Fischereivereins Heilbronn.

Wie groß der Nahrungsbedarf des größten deutschen Raubfischs im Neckar tatsächlich ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Die Fischbestände sind durch den Waller nicht gefährdet“, sagt Michael Heil, Vorsitzender des dritten Heilbronner Fischereivereins Heilbronn-Böckingen. Eine größere Gefahr gehe von Hobbyanglern „mit Migrationshintergrund aus“, für die der Neckar „eine Fischtheke ist. Die kennen kein Maß.“

Wolfgang Sitter hält die Wels-Debatte für Anglerlatein. Tatsache sei, sagt der Lauffener Bereichsvorsitzende der Fischereivereine, es gebe eine Waller-Übermenge. „Die ist aber nicht für andere Fischarten gefährlich.“ Tatsache sei aber auch, dass die Kormorane eine viel größere Bedrohung darstellen.

Umweltschützer Wolfgang Hellwig wirft den Fischern vor, „die Angelegenheit unter der Decke halten zu wollen“. Weil sie selbst dafür verantwortlich sind? Der stellvertretende Vorsitzende des Heilbronner Naturschutzbundes will die Vereine nicht beim Namen nennen und tut es dann doch: Der Wels sei kein typischer Neckarfisch. „Irgendwann haben ihn die Fischer im Fluss ausgesetzt.“ Gerd Bauer vom Fischerei-Verein Sontheim gibt das sogar zu. Das sei aber zu einer Zeit geschehen, als der Neckar immer artenärmer wurde. „Es gibt tolle Geschichten darüber, wie der Wels in den Neckar kam“, erklärt Klaus Lohmann vom Fischerei-Verein Heilbronn, der einräumt: „Das Problem ist auch hausgemacht.“ Es ist reizvoll für Angler, „die Großen zu fangen“.

Die Landesanstalt für Umweltschutz in Karlsruhe schlägt sich auf keine Seite. „Die Anzahl der Kormorane liegt genauso im Dunkeln wie die der Welse“, sagt Gewässerbiologe Hartmut Vobis. Klar sei nur: „Die Wasserqualität des Flusses wird immer besser und seine Artenvielfalt nimmt seit Jahrzehnten zu.“ Die Schadstoffkonzentrationen wurden erheblich reduziert.

Das Wasser hat zwar immer noch keine Trinkqualität, „aber dafür Güteklasse zwei“, berichtet Hubert Wnuck von der Fischereibehörde am Regierungspräsidium Stuttgart. In den 70er Jahren war der Fluss Klasse fünf. Durch die vielen Staustufen habe sich der Neckar „in eine Art Kette von stehenden Seen verwandelt“. Dadurch hätten sich neue Fischarten angesiedelt, strömungsliebende Arten wanderten ab. Wnuck: „Früher kam der Lachs bis zum Heilbronner Wehr.“ Diese Zeiten sind vorbei. Heute gibt es vor allem Karpfen, Schleie, Hecht, Zander - und eben Wels. Fazit: Der Neckar ist wieder ein reich gedeckter Tisch „für Angler und Fische“.