Lautlos gleiten zwischen grünen Ufern
Von Waltraud Langer
Per Floß fuhr Mark Twain auf dem Neckar von Heilbronn nach Heidelberg. Der geistige Vater von Tom Sawyer und Huckleberry Finn schwärmte vom lautlosen Gleiten zwischen grünen, duftenden Ufern. Das war vor mehr als 100 Jahren. Heute lässt die Firma "100% Kanu und Bike" aus Neuenstadt-Kochertürn auf seinen Spuren im Neckar paddeln und belebt zunehmend auch die Flüsse Jagst und Kocher.
Nicht immer zur Freude der Anlieger. Ferienzeit ist Hochzeit für Kanu und Bike. Das Telefon steht nicht still. Ob eine Zwei-Stunden-Schnuppertour von Neuenstadt nach Bad Friedrichshall oder das Fünf-Tage-Paket am Neckar mit Übernachtung im Indianerzelt, zehn Mitarbeiter sind ständig im Einsatz.
Hauptquartier ist ein alter Bauernhof am Ortsrand von Kochertürn. Vor zwei Jahren ist Thomas Dierolf mit seinem vor 13 Jahren gegründeten Unternehmen von Untergriesheim hingezogen, weil er mehr Platz brauchte. Neben Kornfeldern lagern Boote dicht an dicht, hängen Schwimmwesten an Scheunenbalken, lehnen Paddel überall. "Wir haben etwa 120 Boote und 40 Fahrräder im Einsatz", schätzt Sonja Baranowsky von "Kanu und Bike".
Wenn die Jagst wegen Niedrigwasser für die Paddler gesperrt ist, wird der Kocher stärker frequentiert. Auf den Straßen rings um Neuenstadt sind die Bootstransporter unterwegs. "Manchmal rufen Leute an und meckern", sagt Sonja Baranowsky. Dabei bringe man doch auch Umsatz - der Gastronomie, dem Lebensmittelmarkt. Für den Personentransport würden örtliche Bus- und Taxiunternehmen eingesetzt. Außerdem arbeite man mit den Neuenstädter Bogenschützen und dem TSV Kochertürn zusammen.
Die Angler sind besonders ungehalten. "Kanu und Bike" gibt sich Mühe, ihrer Klientel naturbewusstes Verhalten am Fluss nahe zu bringen und lässt jeden Teilnehmer ein entsprechendes Papier unterschreiben. "Wir haben nichts gegen die Paddler", so Anke Albrecht von der Gewässerdirektion Neckar in Besigheim, "aber die Jagst hat so einzigartige, naturnahe Abschnitte, die müssen geschützt werden".
Der Kocher könne fast unbeschränkt befahren werden, das Niedrigwasser vergangener Sommerwochen ließe aber auch hier entsprechende Überlegungen aufkommen.
Noch schippern die Bootstouristen ungehindert von Möglingen nach Neuenstadt oder weiter nach Bad Friedrichshall. Wie Alexander und Roswitha Binder aus Neuenstadt-Stein, die mit ihren Töchtern Michèle und Vivienne auf den Kleinbus warten. Der soll sie zur Einstiegsstelle in Möglingen bringen.
Auf der Brücke zwischen Neuenstadt und Kochertürn hält dagegen Jürgen Kimling aus Angelbachtal Ausschau nach seiner kocherabwärts paddelnden Familie. Er ist Dauergast an den Flüssen Kocher und Jagst und schwärmt: "Wir haben hier schon Störche gesehen und Riesenlibellen und sogar einen Graureiher."
Sperrung der Kleinflüsse für Wassersportler? Davon hält er nichts: "Wenn jeder sich verantwortungsbewusst verhält, dann kann das Paddeln doch niemandem schaden."